Hermann Borchardt. Die Verschwörung der Zimmerleute

 

Als die deutsche Erstausgabe von Hermann Borchardts Mammut-Roman 2004 erschien, hatte ich das nur kurz registriert. Der bemerkenswerte Titel Die Verschwörung der Zimmerleute: Rechenschaftsbericht einer herrschenden Klasse hatte sich zwar ins Gedächtnis eingebrannt, war im Lauf der vergangenen gut 10 Jahre jedoch in die hintersten Gehirnschubladen versickert.  Erst als ich auf der hannoverschen Buchlust (einer jährlichen kleinen, jedoch sehr feinen Ausstellung unabhängiger Buchverleger in der niedersächsischen Landeshauptstadt) mit dem Verleger Stefan Weidle sprach, wurde der Titel plötzlich wieder sehr präsent und ins Bewusste gehoben.

Hermann Borchardt wurde 1888 als Hermann Hans Joelsohn, Sohn einer jüdischen Familie geboren, konvertierte später zum Protestantismus (und noch später endgültig zum Katholizismus), floh 1933 aus Deutschland zunächst über Basel nach Paris, dann nach Minsk. 1936 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen, kehrte nach Deutschland zurück und wurde bis 1937 in drei Konzentrationslagern der Nazis interniert und gefoltert, ehe es ihm im gleichen Jahr gelang, in die USA auszuwandern, wo 1943 sein großer Roman Die Verschwörung der Zimmerleute gekürzt und in amerikanischer Übersetzung unter dem Titel The Conspiracy of the Carpenters erschien. 1951 verstarb Hermann Borchardt in New York City.

Formal und allein vom Umfang her gehört der Roman in eine gemeinsame Liga mit Marnaus Mitwirkenden, Brochs Vergil und, ja, Musils Mann ohne Eigenschaften. Seine gestalterische Einzigartigkeit liegt in der Erschaffung einer (deutschen) Parallelwelt, wie es sie so in der Literatur noch nicht gegeben hat. Hier wirkt alles kleiner, provinzieller und durchaus folkloristischer  als in der parallelen, realen Welt: gewissermaßen regiert der Stammtisch Politik und Gesellschaft. Die politische Richtung wird vom Grubenbesitzer, von gewerkschaftlichen oder christlichen Bünden bestimmt; noch das kleine Kulturprodukt, gehörig platziert, taugt zum Auslöser handfester politischer Krisen. Letztlich wird von einer politischen Machtergreifung durch den Karrieristen Urban erzählt, in der sich die Hitlersche  von 1932/33 spiegelt.

Die Handlung springt verwirrend, ihre Logik ist nicht immer zwingend zwingend; dieser Eindruck resultiert sicher auch aus den durchaus gewaltigen Differenzen in der Wahrnehmung von Wirklichkeit zu Zeiten der Entstehung des Romans und heute. Borchardt vertraut in seinem Roman noch der Macht von Ideen, was heute eher lächerlich wirken mag angesichts der Verehrung des Faktischen bzw. zurechtgelogenen Postfaktischen, womit die Ideologen heute die Diskussionen besetzen. Borchardt wäre vermutlich entsetzt, wie seine Machtergreifungsparabel heute in Gestalt der neuesten ideologischen Entwicklungen von der Realität in die Ecke der harmloseren Erzählungen verdrängt wird. Gerade das aber erschwert heute den gedanklichen Zugang zu diesem kritischen Meisterwerk: seine Logik mitzudenken heißt das Schreckliche als das Harmlosere zu denken, das Reale erst als den Beginn des eigentlich unvorstellbaren Schrecklichen zu verstehen. Das Entsetzen, das aus der Verschwörung der Zimmerleute hervorlugt, ist ein Untergründiges: vordergründig teils noch schreiend komisch, weil die Vorstellung der Unbelehrbarkeit der Menschen teils ihre Geschichte wie im Slapstick vorwärtsstolpern lässt, wartet im Hintergrund bereits das schon geahnte lähmende Entsetzen auf die Erfahrungen, die es rechtfertigen werden.

Vielleicht lag eine der Verwundbarkeiten der politischen Weimarer Republik in ihrer weltfernen Provinzialität, im sturen übernommenen Obrigkeitsdenken, denen 1918 kein wirklicher Neuanfang entgegengesetzt wurde. Borchardt ist sich dieser Verwundbarkeit durch Provinzialität durchaus bewusst, in ihrer Schilderung hat der Roman seine komischsten aber auch schrecklichsten Momente. Brecht hat die Mächtigkeit des erstaunlicherweise trotz christlich-kirchlicher Prägung geistesverwandten Borchardt genau erkannt, als er die Zimmerleute weit über das historische Werk Werfels und anderer stellte. Der Roman ist dem epischen Theater und brechtscher Dialektik jedenfalls näher als der historischen Spiegelung in zeitgenössischen Romanen Werfels oder Feuchtwangers.

Im Nachwort liest man, dass der Stoff in anderer Form vorbereitet war und auch erscheinen sollte, bis Borchardt fremden Rat annahm und das Material in die nun vorliegende Romanform goss. Man merkt dieser den heterogenen Ursprung an, spürt, dass sich das ursprünglich dramatisch gestaltete Thema nicht in eine mäandrierendere Epik pressen ließ. Szenen, die auf dem Theater als Folge von Aufzügen und Auftritten sich sinnvoll integrieren lassen, stehen im Roman unvermittelt nebeneinander. Blasse Personen sind im Roman nicht unterscheidbar, mögen vielleicht in der Darstellung durch Schauspieler identifizierbar seien. Burleske Momente mögen auf der Bühne ihre Komik entwickeln, im Roman wirken sie hier deplatziert.

Wie oben angedeutet, soll Brecht große Stücke auf den Roman gehalten haben – vielleicht sogar ohne ihn je tatsächlich gelesen zu haben. Er hätte einiges zu beanstanden gehabt: zu prominent sind die Invektiven ja nicht nur gegen die Rechtsfront des Doktor Urban, sondern auch gegen linkes Bonzentum und Arbeiterorganisation, sofern nicht christlich organisiert, sowie gegen den Sozialismus als solchen: „So rückständig unsere heimischen Zustände in vieler Hinsicht sein mögen: In der Erkenntnis, daß der Sozialismus, wie auch immer eingekleidet, dem Bedürfnis nach Erniedrigung des Hohen, also dem Neide und der Rachsucht entsprungen ist und, wo er zur Macht gelangt, zwar den Reichtum, aber nicht die Armut abschafft, in dieser Hinsicht sind wir allen Völkern vorangegangen.“ (Bd. 2, S. 441) Gegenüber den Extremen von Links und Rechts gibt Borchardt überhaupt einem ständisch organisierten Christentum mehr oder weniger deutliche den Vorzug; die Weltsicht des Romans ist eine reaktionäre.

Wer im Roman unmittelbare politische Kritik sucht, sei gewarnt: die vermeintliche Spiegelung der Hitlerschen Machtergreifung ist keine, sie ist lediglich verharmlosende Satire. Hitlers politisches Geschick, die demokratischen Verhältnisse auszunutzen und im Marsch durch die Institutionen zu besetzen wird im Roman zum paramilitärischen Putsch, dem Marsch der Urbanschen Privatarmeen auf die Hauptstadt gegen planlosen Widerstand der christlich-aristokratischen Kräfte der Regierung. Überhaupt wird man nicht recht schlau aus der Urban-Figur: die Frage bleibt unbeantwortet, wie er es schafft, eine Privatarmee aus Hunderttausenden zu mobilisieren. Die (wenn auch höchst aufschlussreichen und erhellenden) Beispiele für sein demagogisches Talent jedenfalls erklären das nicht zur Gänze.

Ansonsten lernen wir nicht viel über Politik aus dem Roman. Borchardts Versuche, die Verschlingung von ökonomischen und geistigen Bewegungen zu erklären, sind leider chaotisch und ermüdend. Der ständige Wechsel der Perspektive zwischen privater und großer Politik ist erratisch und wirkt zufällig. Dies verbunden mit einem Personal von 150 Akteuren, die wegen ihrer Blässe auseinanderzuhalten nicht einmal das beigegebene erläuternde Personenverzeichnis wirklich hilft, ist es schwer, den tausend Seiten auf Dauer die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Auch erzählerisch spannend wird der Roman allerdings, wenn man ihn inhaltlich als Exilroman liest: diese Ebene wird gründlich im kundigen Nachwort untersucht, das nachweist, dass es sich bei dem Roman vorrangig um einen Schlüsselroman des deutschen Exils in Amerika handelt.

Das große deutsche Feuilleton hat anläßlich der Publikation der Zimmerleute gerade eine einzige Rezension veröffentlicht. Walter Hinck nennt in seiner Besprechung 2005 in der FAZ einen Grund, der andere Rezensenten abgeschreckt haben mag, dass ihn die Lektüre der 1000 Seiten nämlich „etwas“ ermüdet habe und er „nicht optimistisch genug“ sei zu glauben, „daß ihm Leser in hellen Scharen ins Lektüreabenteuer nacheilen werden.“

Da allein die Longlist des Deutschen Buchpreises alljährlich genug Stoff an Lektüreabenteuern aufbietet, erscheint die Sünde, dass Borchardts Roman sich dem Diktat der Lesefreundlichkeit nicht beugt, durchaus lässlich. Als Zeitdokument jedenfalls stehen die Zimmerleute ziemlich einzigartig da.  Mit einer Verspätung von 12 Jahren sei Stefan Weidle für die (Erst-)Veröffentlichung dieses Monuments seiner Zeit herzlich gedankt.


 

 

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Hermann Borchardt. Die Verschwörung der Zimmerleute
Zwei Bände
Mit einem Vorwort von Franz Werfel. Mit einem Nachwort von Uta Beiküfner.
1080 Seiten. Fadenheftung, fester Einband € 79
ISBN: 978-3-931135-80-5
Weidle 2004